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Sächsische Zeitung & sz-online
Lokalausgabe Dresden
DRESDNER Menschen in der Stadt (S.18)
am Dienstag, 15.03.2011


Gastspiel auf Kufen

Ana Garza genießt als Gastschülerin in Dresden ungewohnte Freiheiten und
die Zuneigung ihrer noch sehr jungen Gasteltern.

von Juliane Richter / SZ

Ana Garza aus Monterrey in Mexiko       Grazil und sicher bewegt sich Ana Garza auf den Kufen über die Fläche
      der Dresdner Eishalle. Seit acht Jahren hat der 1,60 Meter große
      Teenager fast täglich Schlittschuhe an den Füßen.
      Normalerweise trainiert sie in Monterrey – einer mexikanischen
      Metropole mit sieben Millionen Menschen.

      Doch seit einem halben Jahr lebt sie als Gastschülerin in Dresden.
      „Ich bin mit keinen Erwartungen hergekommen, um nicht enttäuscht zu
      werden. Aber eigentlich ist alles perfekt geworden“, sagt die 16-Jährige
      in einwandfreiem Deutsch. Nicht nur, dass sie den Leistungssport am
      Sportgymnasium Dresden weiter betreiben kann. Sie empfindet auch
      ihre Gastfamilie als besonderen Glückstreffer.
      Gastmutter Jenny Kunath hat selbst einst ein Austauschjahr in Ungarn
      verbracht. Weil ihre Eltern danach mehrfach Gastschüler aufgenommen
      haben, kam die 27-Jährige auf die Idee, deren Beispiel zu folgen.
      Ihr 28-jähriger Freund Sven Becker konnte da nur zustimmen.

Ana Garza aus Mexiko lebt seit einem halben Jahr in Dresden.
Fast täglich trainiert die 16-jährige Leistungssportlerin Eiskunstlauf.
Die Gastschülerin besucht das Sportgymnasium und lebt bei ihren jungen Gasteltern (Foto rechts).
Sven Becker (28) und Jenny Kunath (27) haben die Mexikanerin voll in ihre Familie integriert.
Auch Töchterchen Keyla (2) ist von Ana begeistert.

Fotos (2): André Wirsig / SZ

Permanent am Reden

Die jungen Gasteltern: Sven Becker (28), Jenny Kunath (27) & Töchterchen Keyla (2) Dass die beiden in diesem Alter schon Gasteltern sind, ist ungewöhnlich.
„Bei den regelmäßigen Treffen mit anderen Familien sind die meisten Gasteltern um die 40“, sagt Sven Becker. Der Mediengestalter sieht auf den ersten Blick auch nicht wie ein gesetzter Familienvater aus: Vier Piercings zieren seine linke Augenbraue, weitere das von einem Spitzbart umrankte Kinn und die Ohren. Bei Bedenken anderer zuckt er nur gelassen mit den Schultern.

Eine Verantwortliche der Austauschorganisation hat mit dem Paar über die Beweggründe für das Projekt gesprochen und ihr Haus in Briesnitz begutachtet. Für Ana haben sie vergangenen Sommer extra noch den Dachboden ausgebaut und ein gemütliches Jugendzimmer eingerichtet. Geld haben sie dafür nicht bekommen.
Die Teilnahme am Gastprogramm ist ehrenamtlich. Die Gastschüler werden, bis auf das Taschengeld, von den hiesigen Eltern mitversorgt.

„Ich fand es total toll, dass meine Gasteltern so jung sind“, sagt Ana.
Schnell hat die 16-Jährige Vertrauen zu ihnen gefasst und anfängliche Sprachbarrieren rasant überwunden.
„Als sie herkam, konnte sie kein einziges deutsches Wort. Die ersten zwei Wochen haben wir uns fast nur in Englisch unterhalten“, sagt Gastmutter Jenny Kunath.
Aber dann machte Ana riesige Fortschritte. „Ich kann einfach nicht die Klappe halten“, sagt sie übermütig. Ihre Gasteltern lachen bestätigend. Gelegentlich rutscht ihr auch ein gesächseltes Wort heraus, etwa wenn sie nach dem Eislauftraining müde „Beene“ hat.

Für Wettkämpfe auf dem Eis hat es in Dresden bisher noch nicht gereicht. Zu lange hatte Ana mit den Nachwirkungen einer Fußoperation zu kämpfen. Vor diesem Eingriff hatte sie mehrfach erfolgreich an Wettkämpfen in den USA teilgenommen. „Das Training hier in Dresden ist aber intensiver als bei uns. Weil ich hier vor und nach der Schule auf dem Eis bin“, sagt Ana. Die sportliche Belastung hat sie bisher jedoch nicht davon abgehalten, jeden Tag die fünf Kilometer vom Haus in Briesnitz bis zum Sportgymnasium am Messegelände zu laufen. „Das ist eine Freiheit, die ich nur hier habe. Das will ich genießen. In Mexiko könnte ich das nicht tun, weil es einfach zu gefährlich ist“, sagt sie.

In Monterrey konnte sie dafür mit 15 Jahren schon allein mit dem Auto zur Schule fahren. Ihr Vater, ein Unternehmer, der die Füllmasse für Tortillas vertreibt, hat ihr schließlich das Jahr im Ausland ermöglicht. Für Deutschland hatte sich Ana entschieden, weil ihr Bruder Jaime bereits mit 14 Jahren nach Augsburg gegangen war. Heimweh nach Mexiko empfindet das quirlige Mädchen derzeit wenig. „Natürlich werde ich mich freuen, meine Eltern wieder zu sehen. Aber hier habe ich viele Freunde gefunden“, sagt sie.

Nach ihrem Jahr in Deutschland möchte Ana gern wiederkommen – um die Sprache nicht zu verlernen und um vielleicht hier zu studieren. Natürlich möchte sie auch den Kontakt zu ihren Gasteltern aufrecht erhalten. Die sind ihrerseits vom Projekt Gastschüler begeistert und wollen nach Ana wieder einen Jugendlichen aufnehmen.


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